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Entscheidungsgewalt – vom Rat zur Tat

Geh deinen Weg. Ich würde nicht. Folg deinem Herz. Ich seh das so. Mach dein Ding. Bring es zum Abschluss. Beiß dich durch. Ich habe immer. Mach was Ordentliches. Wirf das nicht weg. Hör nicht einfach auf. Nachher bereust du es. Ich an deiner Stelle. Bist du dir sicher? – Nein, verdammt!  

Wie finde ich meinen eigenen Weg...

Ich entscheide mich gern und ich entscheide mich schnell. Meistens. Das also ist es nicht. Ich hab keine Entscheidungsschwäche oder jemand, der ewig über den Dingen brüten muss. Trotzdem erwischt es mich manchmal, dass ich an einer Weggabelung festklemme und weder nach links noch rechts abbiegen mag. Im Kopf läuft es heiß, dasBauchgefühl macht Ferien und wie sehr ich auch ringe, am Ende steh ich wieder und wieder vor diesem verdammten Unentschieden. Ein Zustand, der dem Umfeld nicht verborgen bleibt. Meinungen, Ideen, Antworten werden angeboten und wirken durchaus verlockend, wenn man selbst keine hat.  

…in einer Welt voll gut gemeinter Ratschläge​?

Die jüngste Beklemmung dieser Art trug ich in Bezug auf mein Studium mit mir herum. Ich erinnere mich allzu gut, mit wie viel Freude und Tatendrang ich es begonnen habe und wieviel Spaß mir die Entdeckung neuen Wissens und natürlich auch der neuen Lebenswelt machte. Ganz bewusst hatte ich mir eine Uni ausgesucht, die Freiräume bot und ihre Studierenden nicht in ein stahlstarres Gerüst aus vorgegebenen Strukturen zwängte. Ich liebe lernen. Ich liebe Freiheit. Hier war beides möglich. Studieren und meine ersten Schritte in Richtung Speaker zu machen. Dass mein Studium Priorität hatte und alles andere nach dem Abschluss wachsen sollte, war vollkommen klar in mir. Auch, als der Herder-Verlag mit dem Buchangebot an mich herantrat. Studieren und schreiben? Wow. Ja. Es war möglich und ich empfand eine irre Dankbarkeit für diesen Luxus.  

Der Mensch denkt, das Leben lenkt

Ich werde nie vergessen, wann der geradlinig geplante „eins-nach-dem-anderen-Weg"plötzlich neue Abzweigungen bekam: Direkt nach der Abschlussklausur meines 2. Semesters warteten zwei Journalisten einer großen, deutschen Tageszeitung zwecks Interview auf mich. Die Lawine, die das ins Rollen brachte, spülte mich aus meiner studentischen Komfortzoneplötzlich ungebremst ins Rampenlicht und auf immer mehr Bühnen. Klar, dort hatte ich hin gewollt – nach dem Studium. In geordneten Schritten. Naja, das ist nur eine Welle, dachte ich. Doch weder ebbte es ab, noch fühlte es sich falsch an. Im Gegenteil. Wie selbstverständlich griff eins ins andere. Mein Studium stand deshalb nicht in Frage. Irgendwie schaffte ich es, alles zu koordinieren. Dann wurde es schwieriger, fühlte sich nicht mehr herausfordernd, sondern nur noch anstrengend an. So ploppte die Frage schnurstracks heraus: Aufhören oder weiter machen? Das Fatale: beide Optionen fühlten sich falsch an.  

Krieg dich ein, Junge, verdammt!

Na, bravo. Ausgerechnet ich, der ich andere dazu motiviert sich zu entscheiden, Fakten zu schaffen, den Kopfschüttel-Indexzu nutzen und mutig voranzugehen, hing in fruchtlosen inneren Debatten fest. Wie peinlich war das denn bitte? Nicht einmal meine liebste Übung, das Visualisieren, brachte mich weiter. Egal was ich mir ausmalte, wo ich in fünf Jahren je nach Entscheidung wäre, es fühlte sich nicht stimmig an. Und die Bilder blieben unscharf. Dabei wäre ich es so gern losgeworden, dieses fiese Gefühl, diesen blöden Zustand der Starre. Um Klarheit zu erlangen, suchte ich teilweise aktiv das Gespräch und den Austausch mit anderen; doch spannend ist ebenfalls, wie viele Ratschläge ich bekam, obwohl ich sie nicht erbeten oder gesucht hatte. Ihr kennt das bestimmt. Als trüge man ein fettes Plakat vor sich her: Hilfe, ich hab keinen Standpunkt, hier bitte deinen einwerfen! Spätestens dann erfährt man am eigenen Leib, weshalb der Volksmund sagt, dass auch Ratschläge Schläge sind. Denn jedes noch so gut gemeinte Wort schmerzt und haut einem das Dilemma weiter um die Ohren. Macht es noch sichtbarer, fühlbarer, ekliger.  

Fake it til you​...

In puncto Studium brachte mich letztlich ein Gespräch mit meiner Mutter den entscheidenden Schritt weiter. „Wenn du dich nicht entscheiden kannst, dann tu einfach so als hättest du dich entschieden. Fang an, alles darauf abzustimmen, dass du dein Studium abschließt. Tu es! Dann schau, was passiert." Das Beste an diesem Rat war, dass es keiner in Bezug auf meinen Studienabschluss war (richtig oder falsch), sondern einer, der mir half meine eigene Entscheidung zu finden. Und es funktionierte. Sehr schnell spürte ich, dass die Zeit und die Kraft, die aufwenden muss, um die Abschlussarbeit zu absolvieren für mich in keiner Relation mehr zum Nutzen stehen. 90% meines Studiums habe ich absolviert. Das Wissen kann mir niemand nehmen. Es geht nur noch um den Abschluss, also die offizielle Bescheinigung, dass ich dieses Wissen habe. Daran aber liegt mir momentan nichts, wurde mir klar. Und es nimmt mir nichts von dem Wert meines Studiums und meiner Wertschätzung ihm gegenüber. Ich darf aktuell keinen Abschluss wollen. Ich darf mich auch demnächst wieder anders entscheiden. Diese Entscheidung jetzt gilt für den Moment, denn obwohl ich selbstverständlich in die Zukunft blicken kann, kann ich nur im Hier und Jetzt entscheiden.

Die irre vielen Ratschläge – ich weiß, sie sind gut gemeint. Doch sie zielen darauf ab, ob es gut oder schlecht ist, sich für A oder B zu entscheiden.Was für mich gut schlecht ist, kann aber immer nur ich entscheiden. Ich muss wissen, warum und wofür ich etwas tue. Nur dann weiß ich später auch damit umzugehen, falls sich eine Entscheidung als Fehler, Irrweg oder fatal erweist. Dann kenne ich meinen guten Grund.

Wie befreist du dich aus Entscheidungs-Zwickmühlen, ohne deinen eigenen Grund fremden Ratschlägen zu opfern?

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© 2020 Janis McDavid